Kein Anschluss unter dieser Nummer

Bei meinem aktuellen Arbeitgeber hatte ich im Laufe der letzten Jahre häufig und aus den verschiedensten Blickwinkeln mit Customer-Service-Prozessen zu tun. Klar, man ist da dann auch sehr kritisch, schaut meistens auf die Dinge, die nicht funktionieren. Aber die Wahrnehmung, dass die Mädels und Jungs im Kundenkontakt einen fantastischen Job machen, war schon immer irgendwie da. Gewissheit herrscht spätestens, seitdem ich den Quervergleich mit einem anderen Kundenservice habe – ich habe nämlich den DSL-Anbieter gewechselt.

Gut, man muss dazu sagen, ich habe ihn nicht für mich selbst gewechselt, sondern bei meiner Mutter in Wittmund. Das ist deshalb erwähnenswert, weil das etwa 700 km Distanz sind und sich die Router-Konfigurationskompetenz meiner über 70-jährigen Frau Mama doch naturgemäß ziemlich in Grenzen hält. Doch was kann schon schiefgehen? Das ist ja nur ein Anbieterwechsel. Höchstens neue Zugangsdaten eingeben, und das wird schon irgendjemand vor Ort hinbekommen. Doch diese naive Rechnung habe ich leider ohne O2 gemacht.

Die Router-Konfigurationskompetenz meiner über 70-jährigen Frau Mama hält sich naturgemäß in Grenzen.

Der Freischalttermin am 25.10. kam und einen Tag später rief mich meine panische Mutter an, weil ihr Festnetzanschluss nicht mehr ging. Der gut organisierte Sohn hatte natürlich den Wechseltermin vollkommen verpennt. Aber egal, es sind ja nur die neuen Zugangsdaten. Email von O2 weitergeleitet, der zu Hause anwesenden Bekannten das Prozedere erklärt und für erledigt gehalten.

Denkste. Ging nix. Weitere panische Anrufe folgten. Auf dem Weg zum Wochenend-Getaway in den Tiroler Alpen erschwerte das unterirdische deutsche Mobilfunknetz auf der A7 die Supportleistung meinerseits noch weiter. Zufällig auch vom selben Anbieter. Wobei, da tun sich die drei Netzprovider im europäischen Mobilfunkschlusslicht alle nicht viel. Komisch, wie weit manchmal das nationale Selbstverständnis von der banalen Wirklichkeit abweicht. In Uganda jedenfalls war überall LTE.

Der erste Support-Kontakt mit der Frau an der Hotline war holprig, aber zumindest erhellend. Bis man erstmal durch das Robo-Ansagemenü durch ist, vergehen schonmal fünf Minuten (lediglich das Menü, nicht die Warteschleife). Indem ich bei nachfolgenden Anrufen bereits genau wusste, welche Zahlen wann einzugeben waren, ließ sich diese Rüstzeit immerhin auf etwa die Hälfte verkürzen. Schließlich bei einem menschlichen Agent angekommen stellte sich schnell raus: Waren wohl doch nicht nur andere Zugangsdaten.

Die Kriechleitung in Ostfriesland kann jetzt Vectoring.

Der Anschluss war nämlich von ADSL auf VDSL umgestellt worden. Immerhin, ohne auch nur ein Megabit an Bandbreite zu gewinnen. Das mochte die alte FritzBox 7170 natürlich nicht mehr. Ich hätte ja „sehr günstig“ einen Router von O2 dazu leihen können, schallte es lakonisch vom anderen Ende der Mobilfunkstrecke, während ich mir neben dem Sanifair auf der Autobahnraststätte die Finger abfror. Vielen Dank auch, aber das hätte man ja auch mal mit irgendeinem Wort kommunizieren können, dass die Kriech-Leitung in Ostfriesland nun ausgerechnet auch Vectoring unterstützen muss.

Gut, also dem lieben Daniel Bescheid gesagt, er möge doch auf dem Weg zum Wohnzimmerschrank abbauen auch gleich noch beim lokalen Einzelhandel eine neue FritzBox besorgen und die eben anschließen. Mehrere Stunden später – wir waren mittlerweile in Österreich angekommen und genossen vollen Empfang in einem Bergtal kurz vorm Arlberg – hatte ich einen verzweifelten Freund am Telefon, der zwar auf ein grünes DSL-Lämpchen schaute, aber auch trotz erneuter Hotline-Unterstützung kein Byte durch die Leitung bekam. Übrigens immer schön mit dem Hinweis, dass einen der Gesetzgeber ja „zwinge“ Kundenrouter zuzulassen und dass das alles viel einfacher mit einem „sehr günstigen“ Router von O2 gewesen wäre. Und wenn die Kunden „unbedingt“ einen eigenen Router verwenden müssten, dann gäbe es da auch keinen Support-Anspruch. Ja, ääh, danke (siehe hierzu auch1 2 3). Aber vielleicht lag der Lapsus ja doch woanders?

Mit Malte rückte nach einem internet- und telefonlosen Wochenende am Montag ein echter Profi an. Der Mann atmet IT und spricht fließend PPP. Bewaffnet mit einigen weiteren Routern war nach erneutem stundenlangen probieren und Anrufen in der O2-Technik klar: Man hatte uns schlicht die falschen Zugangsdaten geschickt. Statt des ganzen Geredes vom „sehr günstigen“ Mietrouter hätte diese Information drei Tage zuvor gut getan! Bis die neuen Zugangsdaten verfügbar waren, war es Dienstag und der erneut angerückte Malte konnte nun endlich Erfolg vermelden.

Kurze Zwischenbilanz: Geplant war ein einfacher Anbieterwechsel. Stattdessen war da zuerst die Sache mit dem VDSL – gut, das kann passieren, hätte ja auch einfach einen „sehr günstigen“ Mietrouter dazu nehmen können (warum das in Erwägung ziehen, wenn zu Hause eine wunderbare FritzBox steht? ). Aber das war ja schnell klar und aus der Welt geschafft. Was dann aber kam, waren fünf Tage ohne Anschluss, diverse Stunden von Daniels Zeit und zwei Besuche vom IT-Profi (der, weil Freund, zum Glück nicht seinen Stundensatz genommen hat). Und am Ende stellt sich raus: Sorry, waren von vorne herein die falschen Zugangsdaten.

All das kann passieren. Und ist in ein paar Jahren bestimmt auch eine witzige Geschichte. Aber die spannende Frage, die ich mir dann fast schon aus beruflichen Gründen gestellt habe: Wie reagiert jetzt der O2-Kundenservice darauf? Und hier beginnt der eigentlich ärgerliche Teil.

Die Robo-Zahlenkombination war mittlerweile Muscle-Memory geworden.

Mit einer Woche Abstand rief ich nochmal bei Hotline an. Die Robo-Zahlenkombination war mittlerweile Muscle Memory geworden. Die Dame im First Level zeigte sich verständnisvoll und meinte „ja klar, da können wir Ihnen sicher entgegen kommen“. Da es sich aber um ein technisches Problem gehandelt hab, müsse sie mich weiterleiten. Der Agent in der Technikerabteilung lief dann nicht unbedingt Gefahr, sich mit Verständnis zu infizieren:

„Haben Sie eine Rechnung für den Techniker?“

„Nein, habe ich nicht, wie gesagt, war ein Freund.“

„Und Sie wollen jetzt den Technikereinsatz erstattet haben?“

„Nein, will ich nicht. Sie haben’s nur ganz schön verbockt [sinngemäß], wir hatten fünf Tage unverschuldet keinen Anschluss und mehrere Stunden Arbeit und Nerven sind in die Sache reingeflossen. Ich würde nur irgendein entgegenkommen erwarten.“

„Ne. Da werde ich Ihnen nichts gutschreiben.“

Und damit war das Gespräch dann quasi zu Ende. Etwas baff blieb ich zurück und überlegte kurz, ob ich direkt ein Kündigungsschreiben für alle Verträge mit O2 aufsetzen sollte. Dann siegte die Faulheit ob der Befürchtung, dafür dann wieder einen Brief abschicken zu müssen. Keine Briefmarke da, kein Plan, wo der nächste Briefkasten ist – man kennt das ja.

Also gesammelt und ein paar Tage später eine Email geschrieben und den Sachverhalt noch einmal dargelegt. Scheiss auf die fünf Tage Rechnungsgutschrift. Und Malte gebe ich an Weihnachten gerne 2-20 Bier aus. Darum ging es gar nicht mehr. Ich war nur etwas ungläubig und in meiner Sturheit gekitzelt. Mit so einem Kundenservice lass‘ ich die doch jetzt nicht durchkommen!

Sagte ich Email? O2 hat keine Support-Adresse im Netz, mit der grandiosesten Begründung ever: Du [möchtest] sicherlich nicht warten, bis deine Post an der Adresse von O2 eingetroffen ist oder eine E-Mail Antwort in deinem Postfach angezeigt wird4. Stattdessen hing ich dann eine geschlagene Viertelstunde in einem Live-Chat, in dem mir niemand geantwortet hat:

„Hallo, ich habe eine Frage zu einem technischen Problem mit einem DSL-Anschluss.“

„Ist da jemand?“

„Hallo?“

„???“

„?“

Also doch wieder Telefon. Diesmal hatte ich einen penetranten Jungspund am Apparat, der darauf Bestand, dass die Zugangsdaten doch nicht falsch waren, sondern EWE den Netzanschluss falsch konfiguriert hatte. Darüber gibt es eine Gutschrift nur, wenn eine technische Störung gemeldet worden ist. Das sei wohl nicht passiert bisher. Alter, was zur Hölle muss denn bei euch passieren, bis ihr das mal macht? Er könne das jetzt machen, aber dann kann es sein, dass nochmal ein Techniker vorbei kommen muss, wegen der fehlerhaften Konfiguration. Achja, und die Erfahrung tut ihm zwar Leid, aber wenn im Nachgang noch eine Umfrage für den Customer-Service kommt, würde er sich trotzdem über positives Feedback freuen. „Ansonsten die Umfrage einfach ignorieren“. #feedbackkultur

Am Tag drauf klingelte erneut das Telefon. Ja, er rufe wegen einer technischen Störung an. Ach, Jetzt geht’s bereits? Dann sei ja gut. Ne, müsse kein Techniker kommen. Wäre ja nur ein Druckfehler in den Zugangsdaten gewesen.

Ach, Druckfehler?

Ja, sei zu spät aufgefallen, da waren die Briefe schon raus…

Fazit: Am Ende des Tages habe ich nichts erreicht, ich denke nur darüber nach, das als Hobby weiterzuführen. Denn Freizeit habe ich dabei äußerst effektiv verbrannt. Es geht auch nicht darum, die liebe O2 zu dissen (wenngleich ich trotzdem alle Verträge kündigen werde und auch jedem in meinem Bekanntenkreis ab jetzt per Link auf diesen Beitrag aktiv davon abraten werde, dort einen Vertrag abzuschliessen). Vielmehr offenbart diese Posse ein grundlegendes Problem mit der Supportkultur der sogenannten „Digitalisierung“, das wahrscheinlich bei sehr vielen Unternehmen so besteht: Ewig lange Telefonmenüs. Ein First-Level, der grundsätzlich sowieso nicht weiterhelfen kann, sobald der Sachverhalt etwas komplexer wird. Ein CRM, das so Banane ist, dass man jedes Mal wieder seine halbe Lebensgeschichte erzählen muss. Live-Chats in denen niemand antwortet. Und das ständige Gefühl, dass eigentlich keiner Support leisten will.

Kurzum, niemand der sich kümmert.

Aus eigener beruflicher Erfahrung sind mir die Mechanismen, die dort am Werke sind, natürlich alle bekannt. Aber man sollte sich im digitalen Zeitalter genau überlegen, ob man

a) zulässt, dass all diese Versatzstücke unter Umständen so stümperhaft (nicht) ineinander greifen

b) in einem Geschäftsmodell, in dem typischerweise der einzige Touchpoint zum Kunden während der Vertragslaufzeit ein Support-Fall ist, aus Kostendruck den Support so vernachlässigt

Ihr entschuldigt mich jetzt, ich gehe jetzt so lange weiterchatten, bis einer antwortet.

Uganda – Pearl of Africa

Seit vergangenen Freitag bin ich nach zehn Tagen Uganda wieder im Lande. Die Inkubationszeit der Malaria Tropica ist damit fast vorbei, und bisher haben sich keine Symptome eingestellt. Deshalb kann ich nun mit gutem Gewissen einen Rückblick auf die Reise wagen. Und auf die Erfahrung. Es war das erste Mal in Ostafrika. Eigentlich haben sich meine Erfahrungen mit dem Kontinent vorher nur auf eine Reise nach Südafrika 2011 beschränkt. Und viele sind ja der Meinung, das zähle gar nicht so richtig als Afrika.

Uganda? Wie kommt man denn darauf?

Uganda? Wie kommt man denn darauf? Das war so ungefähr die häufigste Frage, die man vor, nach und sogar während der Reise gestellt bekam. Tatsächlich waren die meisten der Touristen, die wir dort kennengelernt haben, mit NGOs oder sozialen Organisationen im Land und haben an ihren Projektaufenthalt noch ein paar Tage Safari in den Nationalparks drangehängt. Urlaubsreisende wie wir waren klar in der Minderheit. Die Geschichte hinter der Wahl des Urlaubsziels ist aber eigentlich recht fix erklärt: Nachdem mich Moritz die letzten zwei Jahre während der MBA-Module immer klaglos bei sich in Mannheim auf der Couch hatte pennen lassen, wollte ich als Dank einen Urlaub sponsern. Unser ursprünglicher Plan war Schottland mit dem VW-Bus. Aber auf Grund diverser Hochzeiten verschob sich der Termin dafür von Anfang September immer weiter nach hinten. Unsicher, wie denn im Herbst das Wetter auf der Insel sein würde1, suchten wir nach Alternativen. Die Kriterien waren auf den ersten Blick recht einfach: Wir wollten irgendwo hin, wo wir beide noch nicht waren, wo die Flugdauer nicht deutlich zehn Stunden übersteigt und der Zeitunterschied für einen solch kurzen Aufenthalt einigermaßen verträglich ist. Nun waren wir beide aber schon durchaus in der Welt unterwegs. Als großer weißer Fleck klaffte eigentlich nur die Mitte Afrikas bei uns beiden. Uganda gilt als relativ sicher und sehr schön, günstige Flüge waren auch schnell geschossen. Also los.

Voraussetzung für die Einreise sind eine Gelbfieberimpfung (und der Impfpass wird bei der Ankunft am Flughafen noch vor dem Reisepass kontrolliert) und ein Visum, das sich jedoch recht problemlos online beantragen lässt2. Flüge gibt’s unter anderem über Dubai, Istanbul und Brüssel. Wir entschieden uns für letzteres, auch weil 400,- € p.P. unschlagbar waren. Dafür fliegt man dann mit Brussels Airlines über Brüssel und macht einen Zwischenstopp in Kigali (Ruanda), bevor man in Entebbe ankommt.

Headlines in Africa
Headlines in Africa.

Entebbe? Da war doch was? Ja genau, 1976 wurden dort die Passagiere eines Air France-Fluges von Palästinensischen Terroristen als Geiseln gehalten 3. Damals hieß der Präsident von Uganda Idi Amin. Der Prototyp des afrikanischen Gewaltdiktators, unter dessen blutiger Herrschaft von 1971-1979 etwa 300.000 seiner Landsleute ihr Leben verloren. Der Westen spielte dabei wieder einmal keine so glorreiche Rolle, in dem man ihn relativ ungerührt gewähren ließ und 1972 sogar noch als Staatsgast in Berlin empfing4, wo er sich über das Fehlen jeglicher Hitler-Denkmäler wunderte. Nun ja, das wegschauen der „freien Welt“ hat ja eine gewisse Tradition, den wen interessiert schon, was in Schwarzafrika passiert. Den traurigen Höhepunkt fand diese Attitüde 1994 im benachbarten Ruanda, als innerhalb von 100 Tagen die Volksgruppe der Hutu ca. eine Million ihrer Tutsi-Landsleute abmetzelte5 – aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Von der Amin-Zeit merkt man vor Ort wenig, zu viel ist in Uganda im Wandel, zu viele seit dem passiert, und bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von nur 59 Jahren wird man auch kaum Zeitzeugen finden. Das heutige Gesicht des Landes ist freundlich, man befindet sich in einer relativ stabilen politischen Lage, auch wenn Präsident Museveni, der 1986 als lupenreiner Demokrat angetreten war, mittlerweile auch immer mehr autokratische Tendenzen zeigt und nicht mehr daran denkt, das Präsidentenamt abzugeben. Trotz oppositioneller Demonstration und erneuter Unruhen in der Hauptstadt Kampala im August diesen Jahres übertreibt der Fokus doch maßlos, wenn er davon spricht, dass Uganda „nichts für Angsthasen“ sei und man sich nach Einbruch der Dunkelheit besser nur „im bewachten Hotel“ aufhalten solle6. Am Ende des Tages ist es wieder überall in der Fremde: Aufmerksam sein, ein bisschen angepasst verhalten und vielleicht nicht mit Geldscheinen oder der 1000-Euro-Spiegelreflex wedeln.

So war unser Aufenthalt denn auch eine Mischung aus kompletter lokaler Immersion und zweier gebuchter Touren in Nationalparks. Am Ende hätten wir auch die Touren mit den öffentlichen Bussen machen können, aber bei nur 10 Tagen kauft man sich eben mit Geld den Komfort und die Zeit, zwei Parks in entgegengesetzten Teilen des Landes unterzukriegen. Hat man mehrere Wochen Zeit und ist es egal, wenn man mal einen Tag irgendwo hängen bleibt, kann man da sicher auch auf eigene Faust unterwegs sein.

Cheetah
Zugegeben, im Wildlife-Reservat in Entebbe war da noch ein Maschendrahtzaun dazwischen.

Unsere Reiseroute startete in Entebbe, direkt am Viktoriasee. Erstmal ankommen, ein Wildlife-Reserve und den botanischen Garten besuchen. Am dritten Tag im wuseligen Kampala galt es sich erstmal zu orientieren. Wir waren mit dem Batatu, den öffentlichen Minibus-Taxis in die Hauptstadt gefahren. Unschlagbar günstig, aber auch sehr eng. Denn in so einen völlig abgerockten Toyota Hiace passen gut und gerne schonmal 17 Leute. Die Endstation des Sammeltaxis war natürlich so gar nicht da, wo wir hin mussten, weshalb die Weiterfahrt mit komplettem Gepäck auf zwei Bodas, den Moped-Taxis, die das Stadtbild prägen, gleich die nächste authentische Erfahrung bereit hielt. Der touristische Wert einer afrikanischen Millionenstadt lässt sich nicht so ganz mit Mailand oder Wien vergleichen, weshalb wir ganz froh waren, dass es am nächsten Tag auch schon mit einer sehr netten Gruppe in einem Minivan (natürlich) in Richtung Murchison Falls-Nationalpark ging.

Auf den Spuren von Livingstone
Auf den Spuren von Livingstone.

Nach 7 Stunden Fahrt war immerhin noch Zeit für einen kleinen Hike um die Wasserfälle, in denen sich der Viktorianil in die Tiefe stürzt, um ein paar Kilometer später in den Albert Lake zu münden. Geplagt von Tsetsefliegen kehrten wir danach, schweißgebadet und nilwassernass, in unser Restcamp ein. Dort wurde Uganda dann wirklich gefährlich. Denn nachts muss man auf dem Weg zu seinem Zelt aufpassen, keinem Hippo über den Weg zu laufen. Die Nilpferde machen sich nachts nämlich gerne auf die Suche nach Gras. Und auch wenn die Tiere nach behäbigen Pflanzenfressern aussehen, sind sie für mehr Tote verantwortlich als Haie und Schlangen zusammen. Nicht etwa, weil sie den Menschen als Snack schätzen, sondern weil sie sich einfach nicht gerne stören lassen. Und mit einer Topspeed von 40km/h würde selbst Usain Bolt nicht vor einem aufgebrachten Hippo davonlaufen können. Der Trick: Im Falle des Falles Haken schlagen und die Massenträgheit auf seiner Seite wissen. Zwar war nachts wirklich ein Exemplar an unserem Zelt zu finden, aber mit gebührendem Abstand sind die gewaltigen Tiere dann doch nur ein friedliches Schauspiel.

Frühmorgens mit der Fähre zur Safari übersetzen
Frühmorgens mit der Fähre zur Safari übersetzen.

Gefühlt hunderte Giraffen, einige Elefanten und diverse andere Tiere in atemberaubender Natur.

Giraffe im Murchison
Gefühlt haben wir im „Murchison“ ungefähr jede der dort lebenden Giraffen gesehen.

Die folgenden zwei Tage verbrachten wir mit Safari-Fahrten in unserem Minivan, bei dem man praktischerweise das Dach hochklappen konnte, um im stehen oder auf dem Bus sitzend gefühlt hunderte Giraffen, einige Elefanten und diverse andere Tiere in atemberaubender Natur zu bewundern. Auf einer Flussfahrt auf dem Nil wurde uns nochmal klar, warum es keine Gute Idee ist, dort schwimmen zu gehen: Nicht etwa die Bilharziose verursachenden Egel, die sich in der Leber festsetzen sind da das größte Problem. Auch nicht die Hippos. Sondern vielmehr die allgegenwärtigen Nilkrokodile. So waren wir ganz froh, auf unserem Ausflugsboot in Sicherheit zu sein. Obwohl, war nicht erst vor zwei Wochen in Tansania auf tragische Weise ein Boot gekentert? Egal, nach drei Nile (dem lokalen Bier) schipperten wir völlig sorglos über den Fluss.

Zurück in Kampala nutzte ich den Zwischentag für einen ausführlichen Spaziergang durch die Stadt, inklusive Besichtigung der Gaddafi-Moschee, dem größten islamischen Gotteshaus in Ostafrika. Der ehemalige Machthaber Libyens und Idi Amin waren ziemlich gute Kumpels, weshalb Gaddafi 2002 die gesamte Moschee bauen ließen, um die unvollendeten Pläne des letzteren doch noch umzusetzen und den Muslimen eine prächtige Heimstätte zu schaffen. Zu Fuß durch Kampala ist darüber hinaus aber auch echt anstrengend. Verkehr und Menschengedränge sind intensive und die Abgase hinterließen den Eindruck, in fünf Stunden eine Schachtel Gauloises (und zwar die blauen) weggezogen zu haben.

Zwischenstopp am Äquator
Zwischenstopp am Äquator.

Während der Fahrt frische Maracujas wegschlotzen.

Rüsselparade
Rüsselparade.

Schön also, am nächsten Tag erneut aus der Stadt auszubrechen. Diesmal in den Queen Elisabeth Nationalpark. Wieder 7 Stunden Fahrt im Minivan, mit Zwischenstopp am Äquator. Am Straßenrand mancher Dörfer verkaufen die Bewohner frische Früchte. Avocados sind etwa dreimal so groß wie bei uns im Supermarkt, kosten ein Zehntel und sind auf den Punkt reif. Und für den Vitaminkick gibt es nicht besseres, als während der Fahrt frische Maracujas wegzuschlotzen. Im Park dann erneut Safaris und eine Bootstour, dafür aber komplett andere Eindrücke und Landschaft. Schimpansen im Dschungel, Elefanten satt und sogar Löwen, die eigentlich nur den ganzen Tag faul rumlagen und leider für die Kamera meines Telefons viel zu weit weg waren. Nachts direkt am Wasser wusste ich manchmal gar nicht, was lauter war: Moritzs Geschnarche oder das Geblöke der Hippos. Aber auch der Besuch eines Kratersees, in dem von den Einheimischen in harter Arbeit und unter gesundheitsschädlichen Bedingungen Salz abgebaut wird, hinterließ bleibenden Eindruck – bei aller Schönheit ist man immer noch in einem der ärmsten Länder der Welt.

Mit dieser Melange an Eindrücken und – toi, toi, toi – ohne Malaria, kann ich sagen, es hat sich wirklich gelohnt. Vielleicht ist das Land nichts für jemanden, der zwei Wochen entspannten Cluburlaub sucht. Und es ist auch sicherlich schwerer zu bereisen als die ausgetretenen Backpacker-Pfade in Südostasien. Aber die Freundlichkeit der Menschen, die atemberaubenden Landschaften und die Vielfältigkeit der Tierwelt haben die Faszination Afrika nachhaltig eingebrannt. Uganda wird seinem Namen als „Perle Afrikas“ auf jeden Fall gerecht.

The Goal is Elevation

Letzte Woche war ich in Köln. Spontan. Allein. An einem Mittwochabend. Nach der Arbeit hin, nachts wieder zurück. Für ein U2-Konzert. Die Karte hatte ich mir eine Woche vorher bei eBay ersteigert. Verhältnismäßig günstig (für 90,- € statt des Originalpreises von 124,90 €) noch dazu. Ich hätte aber auch mehr bezahlt – so wie in der Vergangenheit bereits mehrfach. Gesehen habe ich an dem Abend ein Konzert, das vollkommen anders war, als die sechs Konzerte der Band, die ich seit 2001 gesehen hatte1. Und das doch so unglaublich gut ein Narrativ schloss, auch für mich persönlich.

Bühnenlayout der U2 Experience & Innocence-Tour
Für die Experience-Tour greift U2 auf das gleiche Bühnenlayout zurück wie schon vor 3 Jahren.

Meine Verbindung zu der irischen Band, die sogar in meiner Abi-Charakteristik Erwähnung fand, hat ihren Ursprung auf der Elevation-Tour vor 17 Jahren. Als Teenager war ich auf den gleichnamigen Titeltrack gestoßen, der durch’s Radio als Soundtrack-Version zu Tomb Raider mit Angelina Jolie gespielt wurde, in der Albumfassung aber deutlich besser ist. Im Sommerurlaub bei der Großmutter in Wien besorgte mir ein Bekannter einen Job als Ordner für das Konzert in der Stadthalle. Ein herzförmiger Laufsteg umschloss damals die schnellsten 300 Fans in einem kleinen Innenraum. An der Spitze dieses Herzens auf der Innenseite war meine Position. Der Auftrag war, die Augen stets auf das Publikum zu richten. An der Stelle konnte man nicht anders als dabei gleichzeitig aus nächster Nähe auf die Bühne zu schauen. Im Verlauf des Konzertes hätte ich die Band im Vorbeigehen auf dem hüfthohen Bühnenausläufer problemlos von den Beinen holen können, so nah war ich.

Dabei wurde mir relativ schnell klar, dass mir diese Band bleiben würde.

Daraufhin fing ich an, mich mit den Pop-Rockern um Frontmann Bono auseinander zu setzen. Nicht nur mit Napster-Downloads, sondern auch sehr ernsthaft mit dem Erwerb aller alten Alben und einiger Platten. Ich hörte mich mit wachsender Begeisterung durch die damals schon fast 25-jährige Bandgeschichte. Bootlegs und Live-DVDs gehörten ebenso dazu. Dabei wurde mir relativ schnell klar, dass mir diese Band bleiben würde. Denn zum einen waren die Jungs unheimlich wandelbar – man kann kaum glauben, dass The Joshua Tree und Pop innerhalb von 10 Jahren von ein und derselben Band stammen. Tatsächlich gibt es auch heute noch zu wirklich jeder denkbaren Situation und Stimmung einen passenden U2-Song für mich, auch wenn ich sie zugegebenermaßen lange schon nicht mehr so häufig höre. Und zum anderen ist es einfach die Musik, die einen Nerv trifft: Treibende und zum Teil fast läutende Gitarren von „The Edge“, dazu die unverkennbare Stimme von Bono mit seinen tief gehenden Texten. Und dann diese Gänsehaut-Liveshows, die der Band nicht umsonst mehrfach den Titel „Beste Liveband der Welt“ eingebracht haben. Das hat mich für immer geprägt.

Typisch U2: Politische Statements kamen nicht zu kurz.
Politische Statements waren natürlich auch in Köln dabei: Gegen Trump und Krieg, für Frauenrechte und Europa.

Na klar, die letzten Alben waren weniger mitreißend und auch das Bono’sche Gutmenschentum in den Medien konnte einem zum Teil wirklich auf die Nerven gehen. Besonders wenn man bei den Ticketpreisen der bestverdienenden Band auf diesem Planeten bemerkt, dass hier ganz und gar nichts allein mit Nächstenliebe läuft. Oder wenn man von mutmaßlicher Steuerhinterziehung liest, die Bono angeblich zutiefst bereut und bei der er sich als das schlecht beratene Opfer geriert2. Aber wenn man dann vor der Bühne steht, egal ob in der (einigermaßen) intimen Atmosphäre einer Halle oder auf einer der gigantomanischen Shows in einem ausverkauften Stadion, und dann zu Pride oder Sunday, Bloody Sunday wieder mal ein politisches Statement gegen Trump, gegen Sexismus, gegen Armut und Hunger, gegen den aktuellen Krieg irgendwo auf der Welt oder für Amnesty International, Menschenrechte, Frieden und Gleichberechtigung über die große Leinwand flimmert, dann nimmt man diesem größenwahnsinnigen Frontmann ab, dass er wirklich noch die Welt retten will. Dann glaubt man, dass die Welt ein besserer Ort sein kann und auch das macht den Zauber einer U2-Show aus.

Wisdom is regaining innocence through experience.

Wenngleich viele dieser Elemente auch in Köln Teil der Show waren, ist es auch einigermaßen bemerkenswert, was die Experience & Innocence-Tour so anders macht. Primär mal die Songs, die U2 nicht gespielt haben. Nach der 30-Jahre-Anniversary-Tour im vergangenen Jahr fand sich beispielsweise kein einziger Song vom 1987er The Joshua Tree auf der Setlist. Kein Where the Streets Have No Name und auch kein With or Without You (das man bitte dennoch auf meiner Beerdigung spielen möge). Stattdessen war ein starkes Set der letzten beiden Alben Herzstück einer Show, die sich als Fortsetzung der Innocence & Experience-Tour von vor drei Jahren versteht und die von Bonos turbulenter Kindheit im politisch unruhigen Irland, vom frühen Tod seiner Mutter und den Irrungen und Wirrungen des Rockstar-Lebens handelt. „Wisdom is regaining innocence through experience“ zitiert Bono frei nach William Blake. Am Ende, als er zu 13 eine übergroße Glühbirne aus einer Miniatur seines Geburtshauses holt und über die Bühne schwingen lässt, gelingt auch symbolisch der Zirkelschluss zur Tour von 2015, die mit der Glühbirne anfing.

Eigentlich sollte die Experience-Tour direkt auf die Innocence-Tour folgen, aber ein Radunfall und eine nicht näher erläuterte Nahtoderfahrung3 von Bono brachten den Zeitplan durcheinander. Stattdessen wurde die Joshua Tree-Tour eingeschoben. Und so hätten U2 auf ewig weiter machen können: Alte Kamellen hervorkramen und Geld drucken. Stattdessen muss man die Dramaturgie der Experience-Tour schon fast als mutig bezeichnen4. Als klar formulierten Anspruch, sich musikalisch zu entwickeln und nochmal etwas Neues zu erzählen.

U2-Frontmann Alter Ego: MacPhisto
„When you don’t believe that I exist, that’s when I do my best work.“ – MacPhisto

Und wieder einmal hat der Auftritt der Band in mir eine starke Resonanz hervorgerufen. Auf ganz unerwartete Weise. Ich folgte dem Gig erstmals nicht direkt vor der Bühne, sondern von einem gediegenen Platz im Oberrang – auch das passte. Zur Reflektion, der Retrospektive und dem ungewohnt nachdenklichen Ton der Gesamtveranstaltung. Zum Wiedersehen mit der Kunstfigur MacPhisto von der 1992/93er ZooTV-Tour, dem teuflischen Alter Ego von Bono, der bezogen auf die politische Lage der Welt passend sagte „When you don’t believe that I exist, that’s when I do my best work“. Dem erstmaligen Auftauchen von Acrobat in der Setlist, das gestern hätte geschrieben worden sein können, aber schon 1991 auf Achtung Baby mit der Ambivalenz und dem Wahnsinn des Trump’schen 2018 hadert.  Es fühlte sich auf komische Weise nach Rückschau und Abschluss an. Ganz ohne Nostalgie und mit Raum für etwas Neues, was nun kommen mag. Hoffentlich auch weiterhin mit der musikalischen Begleitung von U2. Und hoffentlich in einer Welt, die besser sein kann. Im ganz Großen, aber auch im ganz Kleinen, Persönlichen.

Wie funktioniert eigentlich ein (nebenberuflicher) MBA?

Heureka! Es ist vollbracht. Der MBA ist durch. Zwei Jahre habe ich an der Mannheim Business School nebenberuflich auf den Master of Business Administration studiert, und das ist jetzt vorbei. Zwar ist die offizielle Abschlussveranstaltung, die Graduation erst am Wochenende, aber nachdem ich zur Abschlusspräsentation meiner Masterthesis vor zwei Wochen zugelassen war, kann ich mit Fug und Recht von einem erfolgreichen Abschluss ausgehen. Denn die Zulassung zur Präsentation bedingt zumindest eine bestandene schriftliche Arbeit. Aber warum eigentlich ein MBA? Warum nebenberuflich? Und lohnt sich das Ganze überhaupt? Dafür versuche ich hier mal ein paar Fingerzeige zu geben.

Studiert habe ich früher mal Informatik (Dipl.-Inform.). Und seit den ersten Jahren im Beruf stellt mich das gefühlt gewissermaßen in eine Ecke, besonders deshalb, weil ich nicht in der Tech-Branche, sondern in der Industrie arbeite. Und weil ich dort seit je her nicht in der IT mein Tageswerk verrichte, sondern in Powerpoint-lastigen, BWL-geprägten Bereichen. Da ist das technologische Verständnis zwar ein wichtiges Asset, aber am Ende des Tages steht man doch wieder quer im Stall und ist primär „der Techniker“. Es sollte nun also eine Zusatzausbildung sein, die mich inhaltlich weiter entwickelt, die mir aber auch formal, „auf dem Papier“, bescheinigt, dass ich die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge verstehe.

Es ist vollbracht!
Business Master Project: Abgegeben!

Für wen macht ein solcher MBA Sinn?

Nach der kurzen, wahnwitzigen Idee, ich sei jemand, der sich 5 Jahre mit einem einzigen Thema im Rahmen einer Promotion im öffentlichen Dienst beschäftigen könne, war relative schnell klar, ein MBA sollte es sein. Denn ein solcher Studiengang ist als generalistisches Managementstudium angelegt. Die Wikipedia beschreibt hier ganz gut, was den tatsächlichen Querschnitt meines Jahrgangs am Ende ausmachte:

Zielgruppen dieser Programme sind unter anderem Ingenieure, Natur- und Geisteswissenschaftler, Juristen und Mediziner, die sich für Managementpositionen oder hohe Ämter im öffentlichen Dienst qualifizieren wollen. Seltener richtet es sich an Betriebswirte, die sich im vorangegangenen Studium mit anderen Schwerpunkten auseinandergesetzt haben.1

Es handelt sich also im Wesentlichen um eine Weiterentwicklung generalistischer Natur, um die Qualifikation, die man in seinem Erststudium in seiner spezifischen Disziplin erlernt hat, um betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu ergänzen. Schließlich braucht man diese in unserer Marktwirtschaft quasi überall.2 So waren in unserem Jahrgang vom promovierten Physiker über den Ingenieur bis hin zum BWL-Bachelor aus der dualen Hochschule alle vertreten. An dieser Stelle sei erwähnt, dass dieses Potpurri natürlich auch Einfluss auf die „Flughöhe“, also den gemeinsamen thematischen Nenner des Studieninhaltes hat. Ob also der Rundumschlag durch die BWL einem solide ausgebildeten Bachelor von einer guten Wirtschaftsuni wirklich etwas bringt (außer einem Master-Grad), muss jeder für sich selbst beurteilen.

Als fachfremder „Techniker“ kann ich nach den zwei Jahren aus einer inhaltlichen Perspektive allerdings ein äußerst positives Urteil fällen. Zwar bin ich weder in Accounting, Operations Management oder Marketing (da schon mal gar nicht) ein Experte. Aber mir sind die grundlegenden Konzepte und Denkweisen vertraut. Das trägt viel zum Verständnis der eigentlichen Funktionsweise eines Unternehmens bei. Gerade für jemanden, der aus einer exakten Wissenschaft kommt, die sehr von Logik und mathematischer Beweisbarkeit geprägt ist, ist ein Verständnis für die stark modellabhängige „It-Depends“-Mentalität der Wirtschaftswissenschaft ein wichtiger Mindset-Shift.

Uni-Auswahl und Bewerbungsprozess

Es gibt nicht den einen MBA. Am Anfang galt es also, die entsprechende Uni und das entsprechende Modell auszuwählen. Da ich mir nicht leisten konnte und wollte, ein Jahr komplett aus dem Berufsleben auszusteigen, war schon einmal klar, dass es ein Part-Time Programm sein musste. Da dies parallel zum Job über zwei Jahre als Wochenendveranstaltung oder in Wochenblöcken abläuft, war auch klar, dass die Reisezeiten und -kosten einen zu beachtenden Faktor darstellten. Alle paar Wochen nach Stanford zu tingeln war also keine Option. Andererseits sollte es auch nicht die Feld-, Wald- und Wiesen-Fachhochschule in Hintertupfingen sein. Ein Blick in die einschlägigen Rankings3 verriet, dass die beste Business School im deutschsprachigen Raum zufällig in Mannheim ist4. Und deren Part-Time-Programm verfolgt einen sehr angenehmen Modus mit Blockveranstaltungen etwa alle zwei Monate. Das war mir auch deutlich lieber, als beispielsweise an der WHU5 fast jedes Wochenende zu verbringen.

Die besseren Business Schools legen natürlich auch die Latte für die Bewerber etwas höher (und den Preis des Programms selbst, aber dazu gleich mehr). Nachdem ein guter MBA natürlich in englischer Sprache unterrichtet wird, verlangt die Mannheim Business School (MBS) wie fast alle Universitäten eine TOEFL-Test6 mit mindestens 100 Punkten. Der Test of English as a foreign language ist einer der Standard-Fremdsprachentest und wird an vielen Test-Centern in Deutschland angeboten. Darüber hinaus brauchte ich auch noch einen General Management Admission Test (GMAT)7 mit mindestens 600 Punkten. Dabei handelt es sich um einen Multiple-Choice Test, der die prinzipielle Eignung für solch ein Management-Studium nachweisen soll. Es geht viel um Logik und Mathematik, mit Elementen, die an einen etwas ausgefeilteren Intelligenztest erinnern. Mit Vorbereitung, Terminsuche und Durchführung benötigt das ganze Prozedere ein paar Wochen Vorlauf, weshalb man nicht unbedingt kurz vor Ende der Bewerbungsfrist an der Uni damit anfangen sollte.

Mit Einreichung der Bewerbungsunterlagen möchte die MBS außerdem noch einen „kreativen“ Beweis dafür, dass man sich wirklich mit der Business School und dem Studium auseinander gesetzt hat. Das kann einen Powerpoint-Präsi oder ein selbst gemachtes Video sein. Ich entschied mich dafür, eine Website zu bauen, in der ich ein eigenes Statement, sowie ein paar Testimonials eingebaut habe: http://why.should.mbs.accept.kopenetz.de/. Genügen die Unterlagen den formalen Ansprüchen und gefallen dem Admissions Council, wird man zu einem persönlichen Interview eingeladen. Das fühlt sich ein bissl wie ein Vorstellungsgespräch an, ist dann aber auch endgültig der letzte Schritt in der Bewerbungsreise.

Was kostet das?

Nachdem es sich bei einem MBA nicht um ein Erststudium handelt und auch typischerweise nicht von den Hochschulen als solches, sondern von speziell dafür ausgegründeten Tochterunternehmen angeboten wird, ist der Spaß nicht kostenlos. Dabei korreliert der Preis für das Programm klar mit der Reputation der Uni: Während man an manchen Fachhochschulen schon für wenige Tausend Euro studieren kann, rufen die top-gerankten Business Schools in Europa typischerweise so um die 40.000 Euro auf.

Da gibt es natürlich einige Stellschrauben, an denen sich drehen lässt: Viele Unis bieten einen „Frühbucherrabat“ an, wenn man sich vor dem Ablauf bestimmter Fristen bewirbt. Bei einem berufsbegleitenden Studium lohnt sich natürlich auch immer die Nachfrage beim Arbeitgeber. Viele Firmen unterstützen solche Weiterbildungsprogramme entweder finanziell oder zumindest durch ein paar zusätzliche freie Tage. Letztere stehen einem durch die landesspezifischen Gesetze zum Bildungsurlaub in Deutschland meist sowieso zu8. Und zu guter letzt sind die Studiengebühren steuerlich absetzbar, im Fall der MBS sogar über drei Kalenderjahre. Die Nettobelastung ist also deutlich geringer und der Schreck nach dem Nachrechnen nicht mehr ganz so groß.

Retrospektive auf zwei Jahre Vollgas

Das Studium an der MBS ist aufgeteilt in zwölf Module zu je einer ganzen Woche inklusive der jeweils angrenzenden Wochenenden. Als der erste Block im September 2016 startete, betraf meine größte Befürchtung die Kommilitonen: Sind das alles karrieregeile Lackaffen mit Konzerndenke? Alles undifferenzierte Wohlstandskinder und FDP-Wähler?

All meine Befürchtungen waren grundlos! Die knapp 40 Teilnehmer meiner PTMBA 2018 Class waren allesamt Bombe. Wahnsinnig interessante Menschen aus verschiedensten Branchen, Ländern9 in einem Altersspektrum von 26-40.

Pro Modul kämpften wir uns mit einer starken Betonung auf Gruppenarbeiten in immer wechselnden Zusammensetzungen durch Accounting, Marketing, Cross-Cultural Management, Leadership und und und. Die Prüfungsleistungen bestanden meist aus Kombinationen von Case Studies während der Module, manchmal aus Klausuren und sehr häufig auch aus individuellen Pre- oder Post-Assignments, die im Vorlauf oder Nachgang zur Präsenzwoche angefertigt werden mussten.

Der Arbeitsaufwand war meist hoch – unvergessen manche Gruppenarbeiten, die bis nachts um drei in einem der umliegenden Cafés bearbeitet werden mussten, da die von der Uni angemieteten Seminarräume bereits um 22:30 die Pforten geschlossen hatten. Besonders im zweiten Jahr, in dem neben dem Job und den Präsenzmodulen auch noch die Masterarbeit anzufertigen war, ging es schon auch an die Substanz. Das sogenannte Business Master Project ist an der MBS auch eine Gruppenarbeit. Entweder als Consulting-Projekt für einen Kunden aus der Wirtschaft oder als Business-Plan für eine Start-Up-Idee.

Bahamas, Baby!
Es war nicht immer nur Arbeit: Bahamas, Baby!

Natürlich war nicht alles nur Work, sondern auch „a good deal of Play“. Mit einer tollen Truppe erkundeten wir das nächtliche Mannheim nicht nur auf der Suche nach Wifi und Arbeitsplätzen, sondern auch nach Bars und Clubs. Oft zum Leidwesen der Vorlesungsbeteiligung am nächsten Tag. Gehört halt auch dazu. Unvergessen auch das Auslandsmodul an der Emory in Atlanta. Nicht nur der Aufenthalt an der Partneruni in Georgia war die Reise wert, sondern auch der vorherige Aufenthalt in Miami und auf den Bahamas, sowie die anschließenden Tage in New York. Networking ist mindestens eben so wichtig wie die akademische Ausbildung.

Was bringt’s? Was bleibt?

MBA-Rankings basieren typischerweise auch auf sehr „karrierefokussierten“ Metriken. So in etwa „prozentualer Gehaltsanstieg nach dem Abschluss“. Die Ausrichtung als in Vorlesungspläne gegossener Turbokapitalismus amerikanischer Prägung lässt sich nicht verleugnen. Umso überraschender, dass ich mit meiner Hauptmotivation, die so gar nicht in die gleiche Kerbe schlug, nicht allein da stand. Bei mir ging es um die intrinsische Motivation weiter zu lernen, etwas Neues zu machen. Bei vielen der Kommilitonen ebenfalls. Ich persönlich hätte auch gerne noch Philosophie und Geschichte studiert – das passte nur nicht so gut ins Narrativ der „Karriereplanung“ beim Arbeitgeber.

Den meisten war also gemein, dass es nicht zwingend den nächsten konkreten Schritt, die nächste konkrete Beförderung nach diesem Abschluss gibt. Für viele waren die zwei Jahre auch eine Suche nach der weiteren Roadmap. Für manche geht diese Suche vielleicht sogar jetzt erst richtig los. Weil vielleicht auch ein bisschen Unzufriedenheit mit dem Status Quo in die Entscheidung für das Studium mit eingeflossen war. Einige haben bereits während der zwei Jahre den Job gewechselt, andere fangen jetzt mit der Suche an oder wollen sich nun bei ihrem Arbeitgeber neu positionieren. Und ich hatte den Eindruck, dass für nicht wenige auch die zwei Jahre dazu beigetragen haben, dass sich die ursprünglich gesteckten Karriereziele, die Prioritäten im Leben, ganz neu verschoben haben. Und auch das ist dann ein unbezahlbarer Benefit aus diesem Studium – ein Erkenntnisgewinn über sich selbst.

Wohn-Haft in Stuttgart

Es ist der Elefant im Raum. Nein, eigentlich in meinem ganzen Leben der letzten zweieinhalb Jahre – bei etwas weiterer Betrachtung sogar der letzten vier. Stuttgart. Ich fühle mich bei der Verschriftlichung meiner Gedanken immer an die Rubrik Gestrandet bei Zeit Online erinnert1. So in etwa: „Sie wollten nie nach Stuttgart? Nun sind Sie nunmal da.“ Die Artikel beschäftigen sich in der Folge dann mit den Sehenswürdigkeiten und Eigenarten der jeweiligen Stadt. Typischerweise das, was man auf den zweiten Blick zu schätzen weiß. Doch in Stuttgart fühle ich mich auch nach dem dutzendsten Blick nicht wohl. Ich will hier weg. So sehr, dass es Eingang in meine (zugegeben sehr kleine) Liste von Lebenszielen der nahen Zukunft geschafft hat. Dabei habe ich in den vergangenen Jahren den Stuttgartern oft unrecht getan, indem ich pauschal über die Stadt und die regionale Mentalität hergezogen habe. Eine differenzierte Betrachtung bin ich also einfach schuldig.

Wenn es mir hier so überhaupt nicht passt, warum bin ich dann hier?

Wenn es mir hier so überhaupt nicht passt, warum bin ich dann hier? Diese Frage wurde mir zu Recht schon oft gestellt. Doch eine simple Antwort darauf fällt mir schwer und zeigt schon, dass die Landeshauptstadt, wie sie einen stolz auf jedem Ortsschild begrüßt, vielleicht gar nicht so viel dafür kann. Hamburg und Heidelberg waren die Stationen unmittelbar vor Stuttgart. Die Hansestadt ist Norden, martitime Schönheit, Heimat, Freunde und die grandiose norddeutsche Schnörkellosigkeit. Heidelberg ist Studentenstadt, so schön, dass selbst die Amis im zweiten Weltkrieg keine Bombe drauf werfen wollten und mit seiner kurzpfälzischen Geselligkeit so etwas wie mein kleines süddeutsches Exil. Aus Hamburg musste ich nochmal weg, auch wenn es keinen Ort gibt, an den ich lieber wieder ziehen möchte. Aber es musste einfach sein damals. Schon als der Abschied 2012 beschlossen war wusste ich, es würde nicht für immer sein. Als Exil für persönliche Weiterentwicklung und seelische Heilung hatte ich mir Heidelberg ausgesucht. Manchmal fühlte sich die Stadt wie ein Kokon an, eine Käseglocke, in der die Welt in Ordnung ist. Das war genau der richtige Ort zur richtigen Zeit. Viel Natur, wundervolle Abende in der Altstadt und am Neckar mit neuen und alten Freunden werden mir immer im Gedächtnis bleiben.

Wenn da nur nicht der Ehrgeiz gewesen wäre. Weiterentwicklung und Lernen sind meine Triebfedern und nachdem mir die Aussicht auf fünf Jahre vor-sich-hin-promovieren in der gemächlichen Geschwindigkeit des öffentlichen Dienstes am Heidelberger Uniklinikum nicht so unfassbar attraktiv erschien, war die Alternative schon parat. Ein MBA sollte es sein, der dann auch besser zu besser bezahlten Jobs in der Wirtschaft passt. Und weil ich bis dato nie auf universitäre Reputation geachtet hatte, doch bitte auch an der besten Business School Deutschlands – in Mannheim2. Es galt, einen passenden Job dazu zu finden. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nicht bereit, wieder aus dem Süden wegzugehen, zum einen wegen der Beziehung, zum anderen war es einfach noch nicht so weit. Also wurden Unternehmen in der Region gescreent. Eine Beratung wäre es beinahe wieder geworden, auch auf Grund der wohnortlichen Flexibilität, die das so mit sich bringt. Aber mal ehrlich, nach 50-60 Stunden abends im Projekthotel noch die Bücher aufschlagen? Da kam ein schwäbischer Autobauer mit seinem Angebot eines international ausgerichteten Trainee-Programms und tariflich geregelter 35-Stunden Woche genau recht. Allerdings in Stuttgart, besser gesagt in Böblingen. Hm, naja, zunächst kann man die 130 km sicher pendeln, dann bin ich ja außerdem noch im Ausland und dann mal sehen.

Auf einer der verkehrsreichsten Routen des Landes kostete das Wochenendpendeln schon im ersten dreivierteljahr jegliche Nerven. Zusätzlich bestärkte mich meine Pendlerunterkunft in der schwäbischen Provinz noch darin, dass ich da nun wirklich nicht hin möchte. 2015 verbrachte ich fast ausschließlich im Ausland und nach der Rückkehr war nach langer Hin- und Herrechnerei klar, Heidelberg-Stuttgart als Pendler ist auf Dauer zeitlich nicht machbar, zumal die Partnerin mittlerweile auch nur noch am Wochenende dort war. Unter Tränen lösten wir also die Dachgeschosswohnung in der Neckarvilla auf und für mich ging es widerwillig doch nach Stuttgart Süd.

Immer die gleichen Themen, immer die Karriere, immer ein gewisses Maß an Verbissenheit.

Es ist wohl in jeder Stadt etwas anderes, ob man zum Studieren oder zum Arbeiten hinzieht. Dennoch habe ich eigentlich, auch durch das Trainee-Programm, viele tolle Leute kennen gelernt. Doch da wir alle ehrgeizig und im gleichen Unternehmen sind, geht es automatisch immer auch um die Arbeit. Und jetzt begebe ich mich natürlich stark ins Subjektive: In Suttgart geht es gefühlt immer nur um Arbeit. Wenn die Leute nicht im gleichen Unternehmen arbeiten, dann in einem der anderen beiden großen, oder eben bei einem der zahlreichen Zulieferer. Es ist alles (Automobil)Industrie. Immer die gleichen Themen, immer die Karriere, immer ein gewisses Maß an Verbissenheit. Und bei den Zugezogenen auch immer der Zusatz: Ich bin nur für den Job hier und geil finde ich es eigentlich auch nicht. Tatsächlich ist mir in vier Jahren nur ein Neigschmeckter3  begegnet, der gesagt hat „ja, ich find’s wirklich gut hier“.

Sprichwörtlichkeiten wie „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ oder „Ned geschompfa isch globt gnuag“

Die schwäbische Mentalität ist auch bekanntermaßen keine, die dich mit offenen Armen empfängt. Dort, wo Menschen ihre Verhaltensweisen mit Sprichwörtlichkeiten wie „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ oder „Ned geschompfa isch globt gnuag“4 erklären, ist von norddeutscher direkter Freundlichkeit oder kurpfälzischer Gemütlichkeit weit und breit keine Spur. Der Schwabe ist ein herzensguter Mensch – nur eben nicht gleich und nicht zu jedem. Familie ist wichtig und das zu Hause heilig, da hat man als entwurzelter Wirtschaftsflüchtling erstmal schweren Boden zu bestellen.

Dazu empfinde ich die Stadt selbst als unschön. Man vergleicht sich gerne mit München, sieht sich als süddeutsche Metropole. Das geht soweit, dass man auf die Cannstatter Wasen in bayrischer Lederhose geht. Stuttgart hat nur leider keinen Englischen Garten, sondern ist ein enger, völlig zugebauter Talkessel mit heillos verstopften Straßen, schlechter Luft und wenig Grün. Das größte Verbrechen und gleichzeitig die beste Zusammenfassung des Sachverhalts ist jedoch, wie die Stadt mit ihrem Gewässer umgeht: Der gleiche Fluss, der hundert Kilometer weiter die Ader eines mediterranen Lebensgefühls an den Neckarwiesen und integraler Bestandteil von Heidelbergs Zauberhaftigkeit ist, wird in Stuttgart zum Industriegewässer degradiert. Das Leben spielt sich hier nicht am Neckar ab, dafür stehen auch zu viele Werkshallen und Bundesstraßen direkt daneben.

Trotz des Asphaltinfarktes ist in der Automobilstadt ein Leben ohne eigenen Wagen schwierig. Zumal wenn man in Böblingen oder Sindelfingen arbeitet. Den Weg machen aus Stuttgart jeden Tag mehrere Tausend Menschen. Mit dem Auto. Denn one-way mit der S-Bahn zur Arbeit kostet 5,30 Euro als einfache Fahrt. Monatsticket 143 Euro. Arbeitgeberunterstützung irgendwo bei 10%, aber nur, wenn man gleich das Jahresabo nimmt. Was produzieren wir nochmal? Achja, Autos. All das wäre ja gar nicht so schlimm, wenn die nächstgelegene S-Bahn-Station von meinem Arbeitsplatz nicht 15 Minuten zu Fuß entfernt wäre. Das Werk da draußen ist groß, und wenn die Station auf der falschen Seite ist, lockt das Parkhaus direkt neben dem Bürogebäude auf einmal doch wieder sehr. Darüber hinaus kann man mit dem Monatsticket nicht viel anfangen: Die Innenstadt selbst ist größentechnisch überschaubar und wenn man regelmäßig in die zersiedelten Stadtteile am Kesselrand muss, sind die Öffis quasi keine Option mehr.

Dann wird sich die Argumentation auf einen sicheren, gut bezahlten Job, ein paar Tausend Euro Studienschulden und neun fehlende Monate bis zum Betriebsrenten­anspruch reduzieren.

Ich könnte weiter und weiter machen. Fakt ist: Die Stadt hat in meinem Augen nichts, was ich auch nur eine Sekunde vermissen würde5. Das mögen viele anders sehen, und das ist auch gut so. Aber will man nicht primär in einer Umgebung wohnen, in der man sich wohl fühlt? Gerade dann, wenn man meint durch Alter, Ausbildung und lebenssituativer Flexibilität die Wahl zu haben? Das ursprüngliche Ziel der beruflichen Perspektive ist nicht nur durch die Erfahrungen hier gänzlich in den Hintergrund gerückt, es hat sich als  komplett hohl herausgestellt. Bleibt noch das Studium. Der Abschluss ist in zwei Monaten gemacht. Die Freundin ließe sich hoffentlich einpacken und mitnehmen. Dann würde sich die Argumentation auf einen sicheren, gut bezahlten Job, ein paar Tausend Euro Studienschulden und neun fehlende Monate bis zum Betriebsrentenanspruch reduzieren. Und wenn mich die Zeit hier eines gelehrt hat, dann: Das kann nicht alles im Leben sein…

Anmerkung vom 07.06.2018:
Dass es einem mit und in Stuttgart auch ganz anders gehen kann, sogar wenn man vorher mal in Heidelberg gewohnt hat, zeigt recht überzeugt und ausführlich Jörg Armbruster in diesem Artikel auf Zeit Online.

Kein Direktmandat für Zukunft

Ich erwartete keine großen Überraschungen für diese Wahl, da ist doch eigentlich schon alles entschieden. Davon war ich fest überzeugt, denn was sollte schon groß passieren. Themen für die Zukunft dieser Gesellschaft hat eh niemand auf der Agenda gehabt. Mutti bleibt Kanzlerin, die FDP kommt dazu, ist ja eigentlich auch egal, mit wem die CDU/CSU regiert, die AfD wird nervig aber wohl unvermeidlich werden, ansonsten wird sich schon nicht viel ändern, auch wenn das natürlich meiner Ansicht nach sehr ärgerlich ist. Da habe ich mich wohl geirrt. Und das ist unterm Strich vielleicht sogar noch ärgerlicher. So sehr, dass daraus tatsächlich mein erster Blog-Artikel entstanden ist. Ein Projekt, dass ich seit Jahren vor mir her schiebe, das immer wieder in Schönheit stirbt. Und aktuell ist wahrscheinlich die Phase meines Lebens, in der ich doch eigentlich am wenigsten Zeit dafür habe.

Egal, irgendwas muss raus. Bei genauerer Betrachtung auch nicht erst seit gestern Abend 18 Uhr und der ersten Hochrechnung sondern eigentlich schon vorher; in den letzten Wochen und Monaten hat sich was angesammelt. Da haben sich viele Eindrücke angehäuft, viele Befürchtungen eingeschlichen. Allerdings hat sich daraus gestern Abend erst ein Bild ergeben, oder besser gesagt eine bedrohliche Kulisse gesetzt, vor deren Hintergrund alles weitere nun stattfindet. Ob Jamaika, demokratiefeindliche Fundamentalopposition der AfD oder das Ende der Fraktionsunion von CDU/CSU.

Das Land, ja der ganze Kontinent rutschen in den letzten Jahren unaufhaltsam nach rechts, so scheint es.

Das Land, ja der ganze Kontinent rutschen in den letzten Jahren unaufhaltsam nach rechts, so scheint es. So unaufhaltsam, dass sich Bernd Ulrich in der Zeit vor zwei Wochen ganz offen fragte “Warum rückt das Land eher nach rechts als nach links”1. Ich möchte in der Diskussion gerne eine Weile zurück gehen. Genauer gesagt zu meiner Zeit in der Oberstufe einer kleinstädtischen kooperativen Gesamtschule in  Ostfriesland, einer der strukturschwächeren Gegenden Westdeutschlands. Zu Beginn der 2000er durfte ich dort im Politikkurs einige der spannendsten und anregendsten Diskussion über die politische Lage des Landes erleben. Gerhard Schröder war Kanzler einer rot-grünen Regierung und ich fand mich in den Debatten im Kursraum auf der eher schon rechten Seite des Diskussionsspektrums. Hartz 4 und die Sozialreformen der vergangenen Jahre saßen immer noch tief und schmerzhaft im Selbstverständnis der deutschen Linken (was sie ja auch heute noch tun). Die andere Seite der Debatte waren die Linksalternativen, die Punks. Es waren Unterrichtsstunden fast ohne Lehrerbeteiligung, mit heftigen Streits und lauten Argumentationen. Kurzum, es war die reinste Freude. Als wir dann auch noch in Vorbereitung auf die Bundestagswahl von 2002 eine schulweite Probeabstimmung organisierten, bei der die SPD über die Hälfte aller Stimmen errang, die Grünen stark waren und die CDU bei 9% vor sich hin marginalisierte, da wusste ich: Wenn unsere Generation einmal am Drücker ist, sind wir unaufhaltsam auf dem Weg in eine bessere Zukunft, in eine gerechtere Welt.

Und es leuchtete ja auch ein. Denn wenn man nur fünf Minuten über die Welt nachdenkt wie sie ist, über die Unausweichlichkeit von Veränderung, den Fortschritt, aber auch den Wohlstand, den es in diesem Land und mittlerweile in der gesamten industrialisierten Welt gibt, dann kann man mit einem intellektuellen Anspruch doch nur zu dem Schluss kommen, dass es zu einer lebenswerten Zukunft links herum gehen muss. Die Rechten und Konservativen wollen verwalten, ihre Vorteile sichern, und verweigern sich doch damit dem gemeinsamen Streben einer Gesellschaft nach einer besseren Welt für alle. Aber da ich ja im Politikkurs dem “rechten” Diskussionsspektrum zugehörig war, wusste ich natürlich, dass die linke Utopie von der Gleichheit und Solidarität als Gesellschaftsform unrealistisch ist und in der Vergangenheit auch schon mehrfach katastrophal gescheitert war. Deswegen musste man realistische Konsenspolitik machen. Eine, die kurzfristig innerhalb der Gegebenheiten des aktuellen Wirtschaftssystems optimiert und langfristig die Frage stellt in was für einer Welt wollen wir Leben. Man kann das dann Realo-Sozialdemokratie nennen, so wie sie Gerhard Schröder und Joschka Fischer betrieben haben (dass natürlich auch mit rot-grün nicht alles rosig war, ist unbestritten, aber der Maßstab war damals die angestaubte Verwaltungspolitik von Helmut Kohl), oder aber, etwas weiter gefasst einfach “Wertebasierte Politik”.

Ich kann mich in den zurückliegenden 12 Jahren an keine einzige innenpolitisch bedeutsame Maßnahme erinnern.

Seitdem ist eine ganze Menge passiert. Eine Angela Merkel hat das Land durch zwei große Koalitionen und eine schwarz-gelbe Klientelregierung geführt, um im Jahre 2017 ausschließlich damit Wahlkampf zu machen, dass dieses Land “erfolgreich” sei, und dass man, damit das so bleibe, bitte beide Stimmen der CDU/CSU geben solle. Ich kann mich in den zurückliegenden 12 Jahren an keine einzige innenpolitisch bedeutsame Maßnahme erinnern. Steuerreform? Außer der Senkung der Mehrwertsteuer für Hoteliers, Fehlanzeige. Atomausstieg? War schon lang beschlossen, wurde dann aufgekündigt, um der schwarzen Wirtschaftswählerschaft zu gefallen, bloß um dann im grössten Panik-Populismus-Move nach Fukushima wieder beschlossen zu werden. Was hat das gebracht, außer erfolgreicher Klage gegen die 2011 eingeführte Brennelementesteuer, und einiger weiterer gegen den erneuten Ausstieg. Es hat also unterm Strich gebracht: Entschädigungszahlungen an die Energiekonzerne und die Verfehlung der Klimaziele. Was noch? Euro-Krise? Durch die Vorenthaltung eines entlastenden Schuldenschnitts für Griechenland ist Deutschland durch Nullszinsen auf Staatsanleihen Nettogewinner der Krise auf Kosten der sozialen Verelendung in Südeuropa. Da kann man wirklich stolz auf die schwarze Null sein. Flüchtlingskrise? Die viel besungene und international mit Bewunderung bedachte Wir-schaffen-das-Politik der Kanzlerin wurde nur nachträglich zum humanitären Rettungsakt von Muttis Gnaden stilisiert. Im Sommer 2015 waren die offenen Grenzen primär Staatsversagen und Planlosigkeit einer Regierung, die seitdem nicht durch nachhaltige Integrationsbemühungen für die neuen Mitbuerger, sondern eher durch die Verschärfung der Immigrationspolitik glänzt, um den Staat nachträglich in dem Maße reaktionsfähig zu machen, wie man ihn in vor zwei Jahren gerne gehabt hätte.

Die einzige innenpolitische “Errungenschaft”, die ich der Unionsfraktion zuschreiben kann, ist die der sukzessive Abbau der bürgerlichen Freiheit in diesem Land. Als 2013 Edward Snowden die anlasslose Massenüberwachung von Millionen Menschen in der westlichen Welt aufdeckte, wurde schnell klar, dass auch der BND knietief mit drinsteckt. Dass der deutsche Auslandsgeheimdienst verfassungsbrechend die eigenen Bürger ausspäht und die Daten auch gleich noch der NSA frei Haus durch die Leitung schickt. Man fragt sich, wie bei den von den USA eingekippten und vom BND illegal verwendeten Selektoren, den Suchbegriffen, mit denen die Überwachungsmaschinerie gefüttert wurde nur, ob es sich um böswilligen Rechtsbruch, oder schlicht um Unfähigkeit handelte. Das hat auch der NSA-Untersuchungsausschuss nur ansatzweise ans Tageslicht zu bringen vermocht. Das Hütchenspiel, das Regierung und BND mit dem Parlament und den demokratischen “Kontrollorganen” gespielt haben, ist an Dreistigkeit schwer zu überbieten. Als Belohnung wurden quasi alle illegalen Praktiken der deutschen Geheimdienste durch die Regierung nachträglich legalisiert. Übrigens unter der aktiven Beteiligung des SPD-Justizministers Heiko Maas. Wer hat uns verraten…? Mann muss aufpassen, an dieser Stelle nicht zynisch zu werden, wenn Thomas de Maizière mit dem Schüren der Angst vor islamischem Terrorismus und der daraus resultierenden Gesetzgebung dem Schrecken, der im Wortstamm der Bezeichnung steckt, den grössten Gefallen tut und unsere freiheitliche Gesellschaft abschafft. Keine Frage, muss man sich den fanatistischen Idioten mit ihren Bomben und LKWs annehmen, aber nachdem, was in den letzten Jahren in Europa passiert ist, wäre die angemessene, selbstkritische Auseinandersetzung damit, warum unsere Sicherheitsapparate so eklatant versagt haben, die wesentlich richtigere Reaktion gewesen. Denn die verlorenen Seelen, die mit ihren schrecklichen Taten unschuldige Menschen mit in den Tod rissen, waren durch die Bank behördenbekannt, wie Sascha Lobo in seiner Analyse eindrücklich darlegt2. Stattdessen wollen hilflose Regierende Stärke demonstrieren, in dem sie den Behörden noch weitergehende Befugnisse auf Kosten der individuellen Freiheit einräumen, anstatt kritisch nachzufragen, wie die bestehenden Datenberge sinnvoll genutzt werden können. Denn bekanntlich findet man die Nadel am besten, in dem man den Heuhaufen größer macht.

Währenddessen reklamiert Mutti Merkel die wirtschaftlichen Erfolge stoisch lächelnd und rautierend für sich. Und keiner hat’s bemerkt. Oder keinen interessiert’s.

Aber dem Land geht es wunderbar. Die Wirtschaft, allen voran die von den Dieselskandalen quasi unbeeindruckten und unbehelligten Autohersteller können vor Kraft kaum Laufen. Na klar, die Agenda-Reformen haben ihr Potential in der letzten Dekade voll entfaltet. Höchste Zeit für die SPD, sich dafür auf die Schulter zu klopfen und sich daran zu machen dort nachzubessern, wo die Härte der Reformen die Schwachen der Gesellschaft übermäßig getroffen hat. Um an Hartz-Gesetzen zu justieren und mit der gewonnen Kraft die am unteren Ende hochzuziehen. Oh wait, das ist nicht was passiert. Die SPD schämt sich ihrer Geschichte und jagt unter Gabriel einer Wählerklientel hinterher, die es einfach immer weniger gibt: dem klassischen Arbeiter und Kohlekumpel. Währenddessen reklamiert Mutti Merkel die wirtschaftlichen Erfolge stoisch lächelnd und rautierend für sich. Und keiner hat’s bemerkt. Oder keinen interessiert’s.

In einer Diskussion mit einem Arbeitskollegen über politische Ansichten schob dieser letztens noch eine vorsorgliche Entschuldigung vorweg, als er konstatierte, ich sei ja schon irgendwie eher links. Woraufhin ich das bestätigte und ihn beruhigte, es sei schliesslich keine Beleidigung. Wobei ich mir da mittlerweile und spätestens nach dem G20-Gipfel in Hamburg und der undifferenziert aufbrandenden Diskussion über die “Links-Grün-Versifften” gar nicht mehr so sicher bin. Der Kollege, Ende zwanzig, aus der Region Stuttgart, zum dualen Studium bei vollem Gehalt direkt nach dem Abitur zu einem Automobilhersteller, wähle ja FDP, weil er diese ganzen Sozialabgaben als himmelschreiende Ungerechtigkeit empfinde. Schließlich sei in diesem Land noch jeder selbst dafür verantwortlich, was aus ihm werde. Dass bei gleicher Begabung aber vielleicht ein Kind aus sozial schwierigen Verhältnissen in Rostock-Lichtenhagen nicht so ganz die gleichen Chancen hat wie ein Abteilungsleitersohn aus der Nachbarschaft eines Daimler- oder eines Porsche-Werkes, das wollte ihm partout nicht einleuchten.

Und wenn all das nix wird, müssen wir eben doch noch selbst eine Partei gründen.

Nun denn, dieser Kollege ist mir allemal lieber als alle die sagen, Mutti wird’s schon richten, weil sie sich in den letzten 12 Jahren haben einlullen lassen. Oder diejenigen, die sich von der AfD über rechtsaußen abfangen lassen, weil sie ohne Perspektive auf der Strecke geblieben sind und angstgetriebene, xenophobe Antworten schon immer einfach waren. Was bleibt also zu hoffen. Zunächst einmal, dass die SPD ihre Ankündigung in die Opposition zu gehen wahrmacht. Denn nur dort kann sie sich erneuern und zu zeitgemäßer Sozialdemokratie finden, anstatt bloßer Erfüllungsgehilfe der Union zu sein. Ausserdem hoffe ich, dass sich die AfD allzu schnell als konzeptloser Störfaktor im Parlament selbst entlarven wird. Und den Grünen bleibt zu wünschen, dass sie in einer Jamaika-Koalition ihr Gesicht bewahren können und nicht von FDP und Union bis zur Unkenntlichkeit aufgerieben werden. Dann haben wir in vier Jahren vielleicht wieder eine SPD, die man wählen kann. Die eine Antwort präsentiert auf die wirklich drängenden Fragen von Altersarmut, der immer weiter aufklaffenden sozialen Schere, der Bildung und Arbeit in Zeiten der Digitalisierung. Und die damit endlich ein Gegenkonzept entwirft zur Verwaltungspolitik einer Angela Merkel, die zwar außenpolitisch einigermaßen Kurs hält, aber im Innern ignorant die Zukunft dieses Landes und seiner Enkel*innen verschläft, um von einer überalterten Wählerschaft an der Macht gehalten zu werden. Und wenn all das nix wird, müssen wir eben doch noch selbst eine Partei gründen. Eine Alternative zu Deutschland. Oder zumindest zu dem, was es zu werden droht.